Montag, Mai 26, 2008

Irgendwas ist da ja dran...

"Feminismus war in den 70er Jahren wahrscheinlich notwendig, um die Dinge mal publik zu machen. Jetzt geht es ja nur noch um die Umsetzung." (Befragte in einem Radiobeitrag über "neuen" Feminismus)

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Freitag, Dezember 21, 2007

Roots of Disco

Mit sowas beschäftige ich mich gerade - hier eine sehr schön auf den Punkt gebrachte Doku der BBC, "Love Saves the Day - The Birth of Disco", mit zwei der wichtigsten heute noch lebenden Protagonisten (leider nur ein Ausschnitt):



Und hier noch ein Stück Doku mit dem kürzlich verstorbenen Disco-Impressario Mel Cheren:



Über den gibt es auch einen Film aus diesem Jahr, "The Godfather of Disco":

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Donnerstag, November 29, 2007

Homo Scare oder Herr Kleinschmidt regt sich auf

1
Was der Rolling Stone mit dem prominenten und unkommentierten Abdruck eines auf unterstem Niveau schwulenfeindlichen Leserbriefs von einem gewissen Thomas Kleinschmidt beabsichtigte, kann man nur vermuten. Weitere Leserbriefe anregen? Freie Meinungsäußerung? Wenn man sich das Blatt so anschaut, wendet es sich sehr eindeutig an den weißen, heterosexuellen Mann im besten Alter, der auf "ehrlichen" Rock steht, und sich gern mal das eine oder andere junge hübsche Ding weiblichen Geschlechts anschaut - was im Idealfall auch hübsch singen und ein bißchen klampfen kann. Und man geht auch ein bisschen mit der Zeit mit und versucht das nachwachsende, im Zweifelsfall ebenfalls männliche Indie-Publikum am Rande abzuschöpfen.


2
Zum ersten mal brachte Klaus Walter im Zusammenhang mit den Go-Betweens vor einigen Zeiten einen Artikel zum Thema Gender ein. Aus berufener Quelle (nicht Walter) weiß ich, dass es der Kampf eines bestimmten Redakteurs war, den Artikel durchzusetzen, obwohl sich Walter seit Jahren als einer der hervorragendsten Schreiber zum Thema populäre Musik bewiesen hat. Hatte natürlich alles nichts mit dem Thema zu tun. Ebenso wenig wie es nie irgendwas mit meinem Geschlecht (weiblich) zu tun hatte, als ein bereits angekaufter Artikel von mir kommentarlos nicht gedruckt wurde. Alles Zufall, ebenso wie die Tatsache, dass in der Redaktion bis auf eine Frau, die nach unbestätigter Quelle angeblich die Freundin des stellvertretenden Chefredakteurs ist, ausschließlich männlich besetzt ist - bei sieben schreibenden Redakteuren und vier zusätzlichen festen Autoren (über die sexuelle Orientierung der Herren kann man nur wieder Mutmaßungen anstellen).


3
Nun gab es in der letzten Zeit einige schwule Musiker, die mit ihrer sexuellen Orientierung auch offensiv umgehen, sich klar in der schwulen / queeren Kultur verorten. Und die soweit zu Prominenz gelangten, dass auch der Rolling Stone an ihnen nicht vorbei konnte. Rufus Wainwright bekam sogar schon einen Titel und mehrere große Berichte. Jetzt mußte sich Herr Kleinschmidt mal darüber aufregen. Und der Rolling Stone mußte es abdrucken - und konnte sich des heimlich oder auch offen hämischen Beifalls von Teilen der Leserschaft sicher sein. Ob sich denn der Rolling Stone jetzt denn seit neuestem an ein homosexuelles Publikum wende, fragt sich der Kleingeist, äh Kleinschmidt. Wenn er so undistanziert über die "selbstverliebte Kirmesschwulette" Wainwright schreibe. Oder über Patrick Wolf. Ersterer käme ja beim homsexuellen Publikum übrigens auch gar nicht so gut an, wie Kleinschmidt "nur zu gut weiß". Wie, Herr Kleinschmidt, wollen sie damit andeuten, sie seien selber schwul, oder kennen zumindest einen Schwulen? Oha.


4
Und es gehe ja auch gar nicht um die Musik, zumindest nicht so sehr (also doch auch ein bißchen), sondern um die "völlig undistanzierte Herangehensweise". Ach so, der 100 000. Artikel über "echte Männer" wie die Musiker von Led Zeppelin, den Stones oder Bruce Springsteen hakt immer kritisch nach und hält dem Kult entgegen. Da muss ich mal genauer lesen, das war mir auch noch nicht aufgefallen. Oder sind schwule Künstler nur dann akzeptabel, wenn sie in ihre Schranken gewiesen werden. Nach dem Motto: Ich habe ja nichts gegen Schwule, solange sie nicht in irgendwelchen prominenten Positionen (no pun intended) sind. Oder die schwulen Musiker nur für andere Homos spielen (wieso sollte sich die Zeitschrift plötzlich sonst an ein homosexuelles Publikum wenden?). Da fällt mir nur das Stichwort "Ethnopluralismus" ein - wir haben nichts gegen Schwarze, solange sie zu Hause (wo immer das ist - wahrscheinlich Afrika in deren Denkweise) bleiben.


P.S.
Dass Jann Wenner, Gründer und Herausgeber des US-amerikanischen Rolling Stone, mit dem der deutsche so lose verbandelt ist, sich nach langen Ehejahren mit einer Frau für das Zusammenleben mit einem Mann entschieden hat, ist übrigens eine allseits bekannte Tatsache. Vielleicht wollte man sich ja bei dem anbiedern, Herr Kleingeist? Ihr Leserbrief hat das alles zunichte gemacht. Aber vielleicht ist ja Wenner in Ihren Augen auch keine "Kirmesschwulette", weil er mit seiner Neigung nicht so hausieren geht, sondern sie, wie es sich doch für Perversionen gehört, so weit man ihn läßt im Stillen auslebt und - Gott bewahre - erst recht keine Promiskuität propagiert.


2. P.S.
Wo wir gerade bei den klassischen Linien der "zufälligen" Diskriminierung sind: Die angegeben Lieblingsbands der Redaktion sind, wie man es klischeemäßig erwartet, fast ausschließlich weiß und männlich. Zwei, drei geschlechtlich gemischte und mit den Specials eine gemischt"rassige" Band, mit Yma Sumac eine Frau (interessanter Weise aus dem Exotica-Bereich), dann noch vereinzelt die schwarzen Klassiker James Brown, Hendrix als Gitarrenheld natürlich und der Quoten-Jazzer der Rocker, Miles Davis, außer den großen Geheimnisvollen Morrissey und Bowie auch keine bekannt schwulen Musiker (Scott Walker als Schwulen-Ikone, o.k.). Alles zusammen unter zehn Prozent der genannten Bands. Und Compiler Ulli Pfleger allein hebt den Prozentsatz dabei erheblich. Das man lieber die Beatles und die Stones dreimal in seine Liste nimmt und, wenn man sich schon nur auf Klassiker bezieht, solche Alben wie Joni Mitchells "Blue" oder Patti Smiths "Horses" vergisst ist natürlich Zufall, von Aretha Franklin nicht zu reden. Genau wie die Tatsache, dass man im Rockkanon nach bekannten Frauen wie nach der Nadel im Heuhaufen suchen muss. Laura Nyro, Tina Turner, von der sich Herr Jagger ebenso wie vom schwulen und schwarzen Little Richard die Show abgeschaut hat? Oh, da haben wir nicht dran gedacht. Zufällig.


3. P.S.
Gerade dachte ich nochmal über die Tatsache nach, dass ja der Rolling Stone und ähnlich gestrickte Musikzeitschriften zu den wenigen gehören, die zumeist Männer auf dem Titel haben. Ansonsten räkeln sich ja auf den Magazincovern zumeist hübsche junge Frauen - in der Hoffnung, dass der männliche Käufer stimuliert wird und glaubt, der Richtige für so eine Dame zu sein, und die Frau sich mit ihr identifiziert, sie als Ideal sieht. Wenn das mal nicht so ist, nun ja. Auf der Brigitte - eine explizite Frauenzeitschrift - darf die Dame dann auch mal über 25 sein und somit nicht mehr sexuell attraktives Ideal. Schon mit seinen Covern positioniert sich der Rolling Stone als Männerzeitschrift.

Und dann fiel mir ein, dass sich in Männerbünden und stark patriarchal geprägten Gesellschaften immer eine besondere Homophobie entwickelt, weil die in solchen Zusammenhängen immer mitschwingende Homoerotik nie zur Homosexualität werden darf - deshalb muss letztere tabuisiert und sanktioniert werden. Dafür können sich allerdings in solchen gleichgeschlechtlichen Bünden die Männer vom Zwang, sich heterosexuell geben zu müssen befreien und sie können auch ihre "weiblichen" Seiten zulassen. So können sich türkische Männer zur Begrüßung zärtlich küssen, ohne Angst, für "Schwuchteln" gehalten werden. Somalische Männer halten sogar Händchen als Zeichen tiefer Freundschaft - auf homosexuelle Handlungen besteht in ihrem Land noch die Todesstrafe. In der Rockmusik darf man sich dann auch gern ein bisschen schwuchtelig geben, solange man sich in Affären mit Frauen wieder als echter Hetero-Hengst bestätigt.

In den "aufgeklärten" westlichen Kulturen ist diese Sanktionierung nicht mehr offen machbar - ebensowenig wie offene Frauenfeindlichkeit, um die Pfründe und die Macht zu erhalten-, aber abschalten lassen sich diese Mechanismen auch nicht von heute auf morgen. Und ob (Hetero-)Mann das will, ist auch nicht nur sehr persönlichkeitsabhängig, sondern läßt auch auf den Reflexionsgrad schließen. Der erste Schritt ist die Anerkennung der strukturellen Diskriminierung, die schon schwer fällt, und dann sind wenige Menschen so gut, dass sie aus Verständnis und Respekt Macht abgeben. Richtig machts da der US-amerikanische Männerforscher Michael Kimmel, der den Männern versucht klarzumachen, dass auch sie davon profitieren können, wenn sie sich vom traditionellen Männerbild verabschieden - die berühmte Win-Win-Situation. Wäre zum Beispiel Homosexualität gesellschaftlich voll akzeptiert, hätte sich Herr Wenner nicht so schwer tun müssen, als er sich in einen Mann verliebte und allgemein die Freuden des Sex mit Männern entdeckte. Dann hätte auch Herr Kleinschmidt mehr Raum zum Ausprobieren und müßte keine Verkrampfungen entwickeln.

4. P.S.
Sehr interessant ist auch die unterschiedliche Wertung der aggressiven Zurschaustellung von Sexualität, wie sie ja zum Rock'n'Roll gehört. Zumindest zum Rock als Hort der heterosexuellen Männlichkeit. Bei Mick Jagger und Co. gilt es als cool und hebt den Status. Schwule wie Wainwright, die ihre Sexualität in den Mittelpunkt stellen, sind "selbstverliebte Kirmesschwuletten" (wie selbstverliebt ist eigentlich Jagger?). Und bei Frauen gilt immer noch die Dichotymie Honky Tonk Angel / Ehefrau, mit ein paar Variationen vielleicht. Sexuell aggressive Frauen werden zwar als reizvoll (und /oder zugleich beängstigend) wahrgenommen, ernstgenommen werden sie deshalb noch lange nicht und gelangen schnell in den Schlampenstatus. Außer Madonna hat sich interessanter Weise bisher auch noch keine sich wirklich dominat gebende Frau durchgesetzt, obwohl dieser Typus - das Alpha-Weibchen - in der Wirtschaft gerade hoch im Kurs ist. Eine Frau nicht in ersten Linie als Frau sondern als Musikerin wahrzunhehmen funktioniert selten bis gar nicht. Sie muss zunächst in ein Schema von Weiblichkeit passen, was sie interessant macht. Dazu gehört es, jung zu sein.

Das sieht man sehr gut an den Covern des deutschen Rolling Stone: Dieses Jahr waren neben Régine Chassagne von Arcade Fire, die gemeinsam mit Freund (Ehegatten?) und Bandchef Win Butler zu sehen war ganze zwei Frauen abgebildet: Amy Winehouse und M.I.A.. Besonders letztere unbestritten musikalisch äußerst interessant, aber beide vor allem jung und sexuell äußerst aufregend. Bei den Männern gibt es tendenziell eher die Variationen von zehn Klassikern: Beatles, Stones, Led Zeppelin...Im vergangenen Jahr haben sowohl Patti Smith als auch Joni Mitchell Alben veröffentlicht, bei letzterer war es besonders bemerkenswert, weil sie sich schon aus dem Business zurückgezogen hatte und von der Starbucks-Kette überredet wurde, doch noch mal aufzunehmen. Aber zunächst war sie mit ihren spinnerten Ansichten wahrscheinlich zu anstrengend (die Frau hat einen Standpunkt und faselt nicht nur Blasen, um die Seiten zu füllen), aber vor allem geht natürlich eine Oma auf dem Cover gar nicht.

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Dienstag, Oktober 23, 2007

Talisman of Your Own Existence

Greil Marcus schrieb einmal, dass sich zu Beginn der Plattenaufnahmen die Leute von Land ihre Country-, "Race"- oder Filkmusik im Drugstore gekauft hätten, um sich ihrer Existenz zu vergewissern, als "Talisman of their own existence", auch der Existenz einer verschwindenen Welt im Zeitalter der Industrialisierung.



Gestern war ich bei einem Instore-Gig bei Mint-Music. Da hat mich von einem Aufsteller Robert Wyatt angegrinst. Heute hatte ich das dringende Gefühl, ich muss mir diesen blöden Buttton kaufen. Glaube ich der erste in meinem Leben.

Aber dieser Wyatt ist so ein grunsdsympathischer Bursche - ich kenne ihn natürlich nicht persönlich, kenne auch seine Musik kaum, und habe ihn auch noch nie live gesehen oder gar interviewt (würde ich allerdings gern). Aber alles was ich über ihn - und vor allem von ihm - bisher gelesen habe, hat irgendwie mein Herz erwärmt und ein Grinsen auf mein Gesicht gelegt. Klingt pathetisch, aber man soll zu seinen Gefühlen stehen ;)...Und wie, als ob der Tag gut zu mir sein wollte, bekam ich den Button von den lieben Jungs im Laden auch noch geschenkt, weil das offenbar irgendein Promotionkrams für das neue Album "Comic Opera" war.

Und jetzt ist das mein Talisman dafür, dass es auf der Welt auch noch entspannte, intelligente und im besten Sinne des Wortes coole Leute gibt, die den krassesten Lebenssituationen auch noch einen - mitunter derben, aber sehr menschlichen - Humor an den Tag legen können, und die ganzen armen Licher, die sich und anderen das Leben schwer machen - die Verkrampften, die Arschkriecher und Taktierer, deren Handeln vor allem durch Angst bestimmt wird - mit einem Lächeln in der Pfeife rauchen.


(Foto: Wikipedia / Helena Dornellas)

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Donnerstag, September 13, 2007

Wie man's macht, macht man's verkehrt

Hmm, Altruismus zahlt sich leider doch nicht immer aus. Jetzt habe ich von einer Redakteurin den Vorwurf bekommen, ich hätte bei Wikipedia abgeschrieben. Dummerweise hatte ich das höchstpersönlich vor einiger Zeit da reingeschrieben und nicht darauf geachtet, das der Duktus und Wortlaut so ähnlich sein könnte, das man da falsche Eindrücke bekommen könnte....

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Montag, September 10, 2007

Schützenumzug in Linden

Mittwoch, September 05, 2007

Interner Kommentar zur Lage

Sonntag, September 02, 2007

Immer antizyklisch handeln...

Ein paar Freunde von mir - alle mit erlesenem Musikgeschmack - haben gestern einen neuen Plattenladen eröffnet. Neu und Second-Hand: Indie, Soul, Funk, Dub, Sixties - was das Ohr begehrt, vom Feinsten...

Man wünscht viel Glück und Kundschaft mit ebensolchem Geschmack zuhauf! Hinfahren mit der Linie 10 Richtung Ahlem, Am Küchengarten aussteigen, an den "Waschweibern" vorbei die Fössestraße ein paar Schritte hoch (Richtung stadtauswärts)an der Hausecke:

MINT MUSIC
Fössestraße 6
30451 Hannover
0511-2602518
info@mintmusic.de.






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Donnerstag, August 30, 2007

Representation of Slavery



Jetzt habe ich mein letztes Hemd hergegeben und sogar andere um Zipfelchen des ihren fragen müssen, und war da. Da habe ich mich hauptsächlich mit dem International Slavery Museum beschäftigt. Mehr dazu hier. Eine kürzere, aber immern noch schön lange Version - sogar als Aufmacher der Kulturseite - ist in er taz heute erschienen.

Im Zuge der Recherche nach dem, wie diese undarstellbare Grausamkeit und Menschenverachtung der Sklaverei repräsentiert wird, bin ich auf einen höchst zweifelhaften Film gestoßen, von Gualtiero Jacopetti und Franco Prosperi, die auch für die "Mondo Cane"-Filme zuständig sind. Mit diesen haben sie in den 60er Jahren ein neues Untergenre des "Dokumentarfilms" entwickelt, den so genannten "Mondo": Da erst recht draufhalten, wo andere aus Pietätsgründen wegschauen. In ihrem Film "Africa Addio" (1966) haben sie dann die Auflösungs- und Neu-Zusammenfindungs-Erscheinungen im Afrika "dokumentiert", das gerade dabei war, sich vom kolonialen Joch zu befreien. Damit habe sie sich nicht ganz zu Unrecht den Ruf des Rassismus eingehandelt. Zumindest haben sie eine extrem zynische Sichtweise auf krasse Dinge, die man als Rassismus interpretieren kann. Die Darstellung und die Kommentare haben definitiv einen Tenor von "Jetzt ziehen die zivilisierten Kolonialisten ab und die Schwarzen machen nur alles kaputt, weil sie nicht in der Lage sind, mit dem Ererbten umzugehen." Dadurch, dass das angeblich alles Dokumentarszenen sind wird das noch als "authentisch" untermauert.

Um diesen Vorwurf zu entkräftigen (angeblich), haben Jacopetti und Prosperi, in pseudodokumentarischem Mondo-Stil den mit Abstand krassesten Film über den transatlantischen Sklavenhandel und Sklaverei in Amerika gedreht, den ich je gesehen habe: "Goodbye Uncle Tom". Leider auch den Film, der wahrscheinlich der Wirklichkeit am nächsten kommt. Angeblich beruht alles auch auf historischen Quellen. Das auf die Art umzusetzen geht allerdings nur mit einem völlig abgefuckten Zynismus - auch wenn sie sich über alle lustig machen. Die Weißen sind die letzten Vollidioten und menschliche Monster, aber auch Schwarze werden zum Teil als Idioten, Arschlöcher und Kollaborateure gezeigt - entspricht ja auch der Wahrheit. Wenn man wohlwollend interpretieren kann man hinlesen, dass sie schon Mitleid mit den Opfern der dargestellten Brutalität haben - aber das kann auch die eigene Empfindung sein. Andererseits sind die grausamsten Mißhandlungen so unerträglich direkt dargestellt, dass sie auch wieder als erneute Verhöhnung der Opfer sehen kann. Und auch als Voyeurismus und - zum Teil gezielt inszenierte - Lust an der Gewalt.


Vorsicht! Wirklich extrem brutal! Und das ist nur der Trailer..

Die Schauspieler waren Haitianer, die sich wohl den Arsch abgefreut haben, dass sie in einem Film mitspielen durften. Dass man die benutzt hat, ist wohl keine politisch überkorrekte Fehlinterpretation. Zudem mußten die Regisseure dann auch wohl einmal die Woche mit "Papa Doc" Duvallier essen - das war 1970, 71 - und gute Miene zum bösen Spiel machen, als Dankeschön für die Drehgenehmigung.

Von dem Film gibt es jetzt einen Director's Cut, der wohl etwas respektvoller geschnitten wurde und leichter als Anklage und nicht als Verhöhnung zu erfassen ist - wahrscheinlich trotzdem nichts für schwache Nerven.

So vergleichsweise gemütlich wie im Film "Roots" ging es auf den Sklavenschiffen ganz bestimmt nicht zu und der Film kommt in der Brutalität dem nicht im geringesten nahe, was sich wirklich abgespielt hat. Aber er sieht die Sklaverei eben auch nicht als eine einzige Gewalt-Orgie, sondern zeigt auch, dass sich die Menschen versucht haben, unter den unmenschlichen Bedingungen trotzdem noch ein Leben einzurichten, mit Momenten von Freude, Zuneigung und Liebe - und auch Widerstand. Das ist auch ein Teil der Wahrheit, wenn manchmal vielleicht auch romantisch verklärt. Aber so wird den Menschen die Würde wiedergegeben. Das ist auch der Ansatz der Liverpooler Ausstellung. Menschlich bei der Darstellung des Unmenschlichen.

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Dienstag, August 07, 2007

Gewalt

Hannover ist ja eigentlich vergleichtsweise beschaulich im alltäglichen Umgang, wenn man so klassisch nach New York schaut, wo Leute zumindest in den Tagen vor "Adolfo" Guilanis drakonischer Gegengewalt Leute reihenweise auf der Straße ausgeraubt, zusammengeschlagen und erschossen wurden. Oder Sevilla, wo ich gerade hörte, dass Jugendliche aus den Vorstädten allein oder in Gangs in der Innenstadt völlig skrupellos Leute überfallen oder einfach von Motorrädern mit (großen) Steinen bewerfen, nur so zum Zeitvertreib.

Aber langsam holt es uns auch ein. Erst hört man es nur von Gerüchten um Gangauseinandersetzungen oder spontane Gewaltausbrüche auf der lokalen Hauptstraße, bei denen meistens jugendliche Migranten die konkreten Agenten sind - die Gründe sind sicher tiefliegender - , aber ich habe auch schon einen "kaukasisch" (heißt europäisch-weiß) aussehenden älteren Herren rücklinks in Handschellen auf dem Boden liegen sehen, als ich mir abends noch was vom Kiosk holen wollte. Oder der ein oder andere Irre (zumeist "deutsch") verhält sich körperlich bedrohlich. Aber konkret zugestoßen ist mir noch nichts, und außer einer ohne Gegenwehr abgelaufenen Festnahme und der zerkloppten Fresse von einem Freund habe ich auch noch nichts gesehen.

Nun passierte das - wenn auch vergleichsweise eine Kleinigkeit -, was ich schon seit Jahren befürchte: einer von den Türkenmackern bei mir nebenan, die leider 1:1 den gängigen Negetivklischees entsprechen, die ich ganz bestimmt nicht bestätigt wissen will - was wieder eine längere Diskussion wäre -, aber sei's drum, jedenfalls schießt der einen Fußball absichtlich ganz scharf schräg von hinten auf mich, als ich aus dem Haus gehe. Hätte ich mich nicht schnell gebückt, wäre meine Brille kaputt gewesen und ich hätte zumindest ein paar rote Striemen gehabt. Glücklicherweise hat es noch (vorläufig) gewirkt, dass ich ihn mir gleich zur Brust genommen habe. Die zehn Burschen zwischen 20 und Mitte 20 (!) hätten mich locker fertig machen können, waren aber glücklicherweise einigermaßen defensiv. Aber wenn der Respekt immer weiter sinkt, was passiert beim nächsten Mal?

Dann komme ich heute nach Hause und die Fahrradhändlerin bei uns unten erzählt, dass die Polizei hier war. Nicht wegen irgendwelcher Dealerei, was ich vermutet hatte, die als gut organisiertes deutsch/türkisch/gambianisches Geschäft hin und wieder in den umliegenden Hauseingängen stattfindet. Nein, eine Frau bei uns aus dem Haus wäre auf die nahegelegene lokale Hauptstraße gelaufen und hätte wahllos Wildfremde mit dem Messer angegriffen. Sie würde angeblich schon länger im Haus wohnen. Allerdings wurde die einzige Frau, auf die nach meinem Erkenntnisstand die Beschreibung - blond und Mitte 40 - passte später in gefaßtem Zustand und guten Mutes von einem anderen Hausbewohner angetroffen. Wir haben allerdings noch einen zweiten Aufgang, wo ich nicht alle Leute kenne. Erst meinte ich: Gut, dass ich nicht da war, aber bald darauf: Schade dass ich nicht da war - das wäre eine Story gewesen.

Daraufhin meinte die Fahrradhändlerin, dass zwei Etagen über ihrer Privatwohnung ein Nachbar auf dem Balkon verreckt sei. Sie haben es nach einer Woche gemerkt, weil irgendwas Ekeliges bei ihnen auf den Balkon tropfte. Da war mir erstmal der Appetit aufs Abendbrot vergangen. Aber sowas ist ja leider nichts Neues. Und noch: Hier im Viertel wird in der letzten Zeit auffällig viel gezündelt - zumeist trifft es unschuldige Mülltonnen in den Straßenzügen mit Sozialbauten (was nicht heißen muß, dass die Anwohner das selber angezündet haben), aber das breitet sich jetzt auch immer weiter aus. Deshalb waren unsere seit kurzem blauen Freunde und Helfer heute abend wohl auch unterwegs.

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Dienstag, Juli 24, 2007

Vielleicht doch Englisch lernen?

"Diese englischen Songs sind doch so eingängig..." - oder warum war Frank Zappas Bobby Brown nur in Deutschland ein Hit? Genauso Sachen, die Leute auf ihren Klamotten stehen habe, wo wahrscheinlich nur die Minderheit absichtlich selbstironisch ist - wenn Leute zum Beispiel mit einem "Betty-Ford-Clinic" T-Shirt rumlaufen (hier für Weicheier, die extra betonen wollen, dass sie Personal sind und nicht Klientel - aber das sagen sie alle). Richtig pervers wird's dann in den Situationen, wo dann ein - im Zweifelsfall spindeldürrer - Afrikaner mit T-Shirts à la "Diesen Bauch formte viel Bier" aus deutschen Kleiderspenden rumläuft. Siehe auch hier.


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Montag, Juli 16, 2007

"Drugs don't kill you, foolishness does"



Leider ist das Video weg. War Klasse: Johnny Rotten läuft wie ein aufgescheuchter Vogel durch einen Zeitungsladen und philosphiert, ohne den Interviewer weiter zu beachten, über das Leben. Der beste Satz war obiger.

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Samstag, Juli 14, 2007

Back in the days...

Donnerstag, Juli 12, 2007

Chelsea Hotel No3

Jetzt gibt es sogar schon eine Fotoaktion bei Flickr, die die alte Managerfamilie Bard zurückbringen soll. Bald gibt es Lichterketten...

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Sonntag, Juli 08, 2007

The Times They Are A-Changing - oder I Remember You Well...


Foto: Wikipedia/Gyrofrog

Eigentlich war nur eine Frage der Zeit in Anbetracht der städtebaulichen Entwicklung in Manhatten: Nach der Schließung des CBGB aufgrund massiver Mieterhöhungen im Oktober 2006 geht es jetzt auch dem Chelsea Hotel an den Kragen. Am 18. Juni ist der heute 73jährige Stanley Bard aus dem Management gedrängt worden. 1955 hatte er das Hotel übernommen, das sein Vater - mit zwei Teilhabern - in den 40er Jahren gekauft hatte. Er führte es als Familienbetrieb, den sein Sohn David weiterführen sollte. Die Erben der Miteigentümer setzten durch, dass für ihn nun die Managementgesellschaft DB Hotels eingesetzt wird, die schon einige Hotels in Manhatten auf den neuesten Stand gebracht haben - allerdings dem Zeitgeist entsprechend, der wenig mit dem zu tun hat, was das legendären Hotel repräsentiert.

Das hatte über Jahrezehnte berühmte Schriftsteller, Musiker und Künstler beherrbergt, oft als Dauerresidenten, bei denen der Chef auch mal ein Auge zudrückte, wenn die Miete nicht pünktlich kam - wobei es allerdings eine Legende sein soll, dass er einige auch umsonst wohnen ließ. Hier enstanden zentrale Werke der US-amerikanischen Kultur - und das Hotel war Ort diverser persönlicher Dramen wie dem (nie geklärten) Mord von Nancy Spungen durch Sid Vicious. Dylan Thomas trank sich hier zu Tode, Arthur Miller schrieb im Zimmer 711 sein Erfolgsstück A View from the Bridge zur Operette um, Arthur C. Clark verfasste im Chelsea Hotel das Jahrhundertwerk "2001 - Odyssee im Weltall". Leonard Cohen verbrachte hier eine Nacht mit Janis Joplin - und verewigte das Erlebnis in seinem Song "Chelsea Hotel", Andy Warhol filmte hier eine "Superstars", im Film "Chelsea Walls" von 2001 mit Ethan Hawke (und der Musik von Wilco) war die Legende des Hotels und der darin lebenden Künstler selbst Thema.

Foto: Wikipedia/Calton


Das Haus selbst - 1883 als Appartmentblock erbaut - ist Anno 2007 wohl ziemlich abgerockt - das Ambiente ist schmuddelig, Stromkreisläufe halten der neumodischen Doppelbelastung von Computer und Haartrockner nicht mehr Stand und überhaupt ist das Hotel im den letzten 30 Jahren völlig neu renovierten Manhatten ein Anachronismus. Es ist ein letztes Überbleibsel der Bohème-Kultur, welche die Stadt im 20. Jahrhundert zum kreativen Nabel der Welt, zum Sehnsuchtsort vieler Künstler und Kulturinteressierter werden ließ, die das Lebensgefühl ausmachte, was man mit New York verbindet. Diese Kultur war durch die Sanierung Manhattens und die dadurch ins Maßlose gestiegenen Immobilienpreise auf der Halbinsel in den letzten Jahren immer mehr verdrängt worden und ist heute kaum noch existent, da sich kaum ein Künstler - außer er heißt David Bowie - die exorbitanten Mieten bzw. Kaufpreise hier leisten kann. Dafür sind die Immobilien hier so attraktiv für Spekulanten, dass ihnen jedes Mittel Recht ist, unliebige und nicht entsprechend zahlungsfähige Mieter bzw. Altbesitzer wegzugraulen.

Jetzt bestehen nicht ganz unberechtigte Befürchtungen, dass das Hotel der bereits stark aufgeschickten Umgebung angepasst werden soll. Die neuen Manager haben bereits eine Renovierung angekündigt - allerdings wollen sie angeblich den alten Charakter des Hotels aufrecht erhalten und es sogar wieder zum Ruhm seiner alten Tage zurückführen. Allerdings nach der zu erwartenden Mietanpassung ohne die Mehrheit seine Dauerbewohner, die immerhin 2/3 der Gäste ausmachen - viele von ihnen können schon jetzt die für die Gegend unschlagbar billige Miete von unter 1000 Dollar im Monat kaum aufbringen. Zudem beobachtete ein Reporter des Independent, dass die neuen Manager bei der Zimmerbesichtigung kaum verbergen konnten, wie angewidert sie vom Zustand des Hotels waren. Hotelbewohner, die ebenfalls bezweifeln, dass die neuen Manager Sinn für die Geschichte des Ortes und den Willen, diese zu respektieren haben, führen seit einiger Zeit einen Blog. Hier sammeln sie kritische Infos und Links zu Artikeln über das Hotel.

Ein wunderbar beobachtes, wissendes und unter all seiner Sachlichkeit zutiefst leidenschaftliches Buch über die kulturelle, wirtschaftliche, soziale und politische Entwicklung New Yorks in den 1980er bis in die frühen 2000er Jahre, in deren Kontext auch die Subkulturen der letzten Jahrezehnte und deren Veränderungen zu sehen sind, hat der Journalist Andrian Kreye verfasst: "Broadway Ecke Chanal" (2004, Droemer/Knaur, ISBN: 3426777517).

Foto: Wikipedia/Daniel Schwen




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Mittwoch, Juni 13, 2007

Pudelclub Hamburg

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Dienstag, Juni 05, 2007

Musikalische Gehhilfen

Foto Copyright: Metro.co.uk/Pressefoto

Wahrscheinlich haben sie von YouTube noch nie was gehört, bevor ihr eigenes Video da lief, und MP3 und Internet waren Fremdwörter. Die Rolling Stones könnten ihre Kinder oder gar fast ihre Enkel sein, The Who, deren Song "My Generation" sie jetzt coverten, haben sie zu deren besten Zeiten wohl kaum noch wahrgenommen - das Freizeitvergnügen ihrer Jugend war eher der klassische 20er bis 40er-Jahre Tanztee mit Schlagern und Novelty-Songs. Das Kühnste war wahrscheinlich ein fescher Swing.

Die Rede ist von den aktuellen Chartsstürmern in Großbritannien, The Zimmers. Die Rentnerband mit dem selbstironischen Namen "Die Gehhilfen" ist mit ihrer Debütsingle der neue Hype bei den Briten. Das Album soll demnächst folgen. Bei 40 Mitgliedern ist dafür gesorgt, dass nicht gleich alles zusammenbricht, wenn mal der eine oder die andere unter die Erde kommt - was man trotzdem nocht hoffen will. Schon die Lebensgeschichte vom Leadsänger Buster Martin liest sich so unglaublich, dass man an deren Wahrheitsgehalt zweifelt.

Mit ihrer Debütsingle will der englische Buena-Vista-Socialclub, der sich allerdings zuvor zum Großteil noch nie öffentlich musikalisch betätigt hat, unter anderem auf die Situation älteren Menschen in Großbritanien aufmerksam machen. Zum einen soll gezeigt werden, was sie noch auf dem Kasten haben und zum anderen will man das Geld, das mit dem Album eingenommen wird, anderen Alten spenden, die nicht mehr so gut in Schuß sind wie die fidele Band. Initiiert wurde das Projekt vom BBC-Journalisten Tim Samuels, der einen Dokumentarfilm über die Probleme alter Menschen drehte.

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Samstag, Juni 02, 2007

Get Some Reward


Soviel ich mich auch über den extrem hohen Frustrationsgrad beklage, den der freie Journalismus mit sich bringt, wenn man den Krempel dann verkaufen muss: Die Chance, mit extrem interessanten Menschen sprechen zu dürfen macht einen zumindest in Momenten über all das erhaben. Eben bin ich fast euphorisch von einen einstündigen Interview mit dem Kunstkritker und AIDS-Aktivisten Douglas Crimp zurückgekommen.

So eine Lebensgeschichte! Der ist 1944 in einem klischeemäßigen US-Kaff geboren, da groß geworden und merkte irgendwann er ist schwul. Hatte aber keine Rollenvorbilder und keine Vorstellung davon, dass es außer seiner kleinen Welt noch was anderes gibt. Dann ist er 1962 als Undergraduate-Student nach New Orleans gegangen. Dort hat er - nach dem Kulturschock - gemerkt, wo's langegeht - zumindest für ihn. Hat auch ein bisschen länger gedauert, aber ist ja alles gut gegangen - er ist inzwischen Professor. 1967 ging er erstmal nach New York - Mitten ins Geschehen. Er fing an, am Guggenheimmuseum zu arbeiten und war so auch bald in der Szene drin. Die sei auch im Vergleich zu heute recht übersichtlich gewesen. Alle wichtigen Protagonisten hätte er zumindest vom Sehen gekannt - unter anderem Andy Warhol, zu dem er bis heute viel arbeitet, und dessen Umfeld. Anfang der 70er Jahre hat er sich erstmal ins schwule Partyleben von Manhatten gestürzt.

Dann hat er 76 sein Studium fortgesetzt weil er merkte, dass er als freier Schreiber nicht über die Runden kommt und es besser ist, im akademischen Feld zu arbeiten. 1978 wurde ihm die Mitarbeit am hochtheoretisierenden Kunstmagazin October angeboten, die er bis zu einem Streit 1990 lange Jahre als Mitherausgeber betreute. Irgendwann hat er dann auch zwischendurch seinen PhD gemacht. 1987 begann er für eine Ausgabe zum Thema AIDS - damals grad hochaktuell - zu recherchieren. Schnell kam er zur Aktivistengruppe ACT UP, bei der er vier Jahre mitarbeitete. Sein 1987 erschienenes Heft zu AIDS, dass auch weniger oder nichtakademische Texte enthielt, wurde zu einem Meilenstein und Standardwerk zum Thema, das bis heute in Buchform erhältlich ist. Ein weiteres Hauptthema von Crimp ist die Betrachtung und Dekonstruktion des Treibens in der Kunstwelt - der Museen als Institutionen, der Künstler und der Kunstkritiker. Im Moment arbeitet er an einem Essayband zu den Filmen Andy Warhols.

Im Übrigen sind oben nicht nur Crimps Hände zu sehen, weil er ansonsten unansehlich wäre - im Gegenteil - so ein Lebenslauf scheint jung zu halten. Wären da ein paar Falten weniger gewesen, hätte ich ihn auf Mitte 40 geschätzt. Und der Mann ist HIV-positiv - anscheinend aber auch den Zugang zu den entsprechenden Medikamenten. Trotzdem mahnt er an, nicht zu vergessen, dass a) viele Leute das Privileg nicht haben, weil die Medikamente scheissen teuer sind und es b) trotz medizinischer Versorgung nicht wirklich erstrebenswert ist, mit der Krankheit zu leben. Er wehrt sich jedoch vehement gegen diejenigen, die zur sexuellen Abstinenz raten oder gar der Homosexualität "abschwören" wollen. Seine Lösung ist eine starke und umsorgende gay community, wie er sie in den 70er und 80er Jahren erlebt hat. Dort hätte man sich gegenseitig über Safer-Sex-Praktiken ausgetauscht, was heute kaum noch passiere.

Es ist fast verständlich, dass Crimp ein wenig nostalgisch nach den 1970er Jahren ist - politisch und privat. Noch heute scheint er begeistert davon, dass er nach Stonewall endlich seine Homosexualität offen leben konnte - und es aus politischen Gründen auch für sich musste - und als offensichtlich politisch ziemlich links angesiedelter Mensch findet er den Backlash wahrscheinlich auch nicht so wirklich schön. Die extremen Licht- und Schattenseiten des schwulen Lebens im New York der 70er Jahre, die Crimp aber wahrscheinlich auch als sehr subkulturell empfunden hat, hat übrigens der afroamerikanische Fotograf Alvin Baltrop sehr lebensecht eingefangen, als er die Schwulenszene in den verfallenen Piers von Manhatten zu dieser Zeit der Deindustrialisierung der Halbinsel fotografierte (Piers heute). Gleichzeitig machten sich da aber auch Künstler wie Gordon Matta-Clark zu schaffen - der allerdings das schwule (und auch kleinkriminelle) Klientel der Piers buchstäblich ausschloss, indem er einfach ein neues Schloss einbaute, wenn er irgendwo künstlerisch aktiv wurde.

Solche Sachen lernt man in Interviews - die man entweder als unnützes Wissen verwerfen kann oder als das Faszinierende an unserer Welt empfindet, zumindest wenn dann mit der Zeit die ganzen Puzzelteilchen zusammenkommen.

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Mittwoch, Mai 30, 2007

The Future Is Unwritten, but the Past Was Photographed

Manche Leute haben das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Und das mit einer Kamera. Geschehen dem englische Fotograf Andy Rosen. Als Jahrgang 1950 im besten Alter, um mit Leib und Seele Mitten im Geschehen zu sein, fotografierte er von 1976 bis 1984 in London Punk- und New-Romantic-Musiker. Dann - ermattet von den wilden Jahren und enttäuscht von der Veränderung der Szene - ging er in die USA und seine Bilder blieben daheim. 25 Jahre später kam er zurück nach England, weil seine Eltern aus dem alten Haus auszogen, und hat seine Sachen von damals gerettet. Dabei hat er dann die Negative wieder ausgegraben. Wieder zurück in LA, hat er dann noch eine Weile gebraucht, sich seiner Vergangenheit in der Schachtel zu stellen. 2005 hat er es endlich geschafft - gut für uns. Die ganze Geschichte hier.

Auch gerade im Zusammenhang mit dem Film über Joe Strummer, "The Future Is Unwritten" einen nostalgischen Rückblick Wert: Hier Rosens Seite bei Flickr, und hier sein Blog.

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Samstag, Mai 26, 2007

Maximo Park in Hannover

Before the show.


Mehr Fotos hier. Leider durften wir nur drei Songs lang fotografieren - und dann gar nicht mehr. Deshalb kein Bild vom Enthusiasmus der Fans, die reihenweise rausgezogen worden sind, weil sie für den Geschmack der Security zu viel Spaß hatten. Und einige sind auch ohnmächtig geworden bei der Hitze und der Aufregung.

Ich hatte Maximo Park ja vor zwei Jahren schonmal live im hippen Berliner Postbahnhof gesehen. Da wollte ich gar nicht unbedingt hin, weil ich dachte ich bin 10 Jahre zu alt für die nächste Britpopband. Ich bin aber mitgegangen, und war von ihrem Auftritt sehr angetan. Sie wirkten erfrischend, und als ob sie sich wirklich über ihren Erfolg wie die kleinen Kinder freuen. Damals sagte Sänger Smith auf der Bühne, er müsse aufpassen, dass er nicht abhebt. Dass das auch damals schon ein wenig Masche war zeigte sich, als ich las, dass er das gleiche beim nächsten Auftritt in Hamburg gesagt haben soll.

Diesmal wirkten sie etwas müder und routinierter - aber sie sind immer noch einer der besten Liveacts, die man im Moment sehen kann. So viel Engergie wie Paul Smith haben wenige Frontleute. Dazu hat er noch Talent, was im Kopf, sieht umwerfend aus und wirkt dabei treuherzig - das was man auf Englisch als teenage heartthrob bezeichnen würde. Und die anderen Bandmitglieder stehen ihm in puncto Grips, nett erscheinen und Aussehen kaum nach. Auch für Leute über 25 noch unterhaltsam und charmant, wenn man über ein kreischendes Teenagerpublikum erhaben ist.

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